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Hoshys Geschichtenkeller des totalen Irrsinns
#1
Der kleine Zombie

Inspiriert von einem epischen Zombiegedicht von Jacen

Es war einmal und ist nicht mehr ein kleiner Zombie. Er wankte durch die tote Welt und stöhnte irgendwie gelangweilt vor sich hin, denn ansonsten hatten Zombies nicht viel zu tun. Ab und an erhaschte er den Hauch der Lebenden und folgte ihm, immer in der Hoffnung, dass sein ewiger Hunger nach frischem Fleisch heute gestillt würde. Doch meist vergeblich, die letzten noch lebenden Menschen, die sich auf der Suche nach Lebensmitteln und anderen für sie wichtigen Dingen in die Stadt wagten, hatten inzwischen gelernt, wie sie sich vor den Untoten verstecken und sich gegen sie zur Wehr setzen konnten. Dabei fing alles so gut an, es war noch gar nicht so lange her, obwohl der kleine Zombie kaum sagen konnte, ob es mehr als ein oder zwei Jahre waren. Zeit war inzwischen bedeutungslos für ihn, denn auch seine schäbige alte Seiko hatte er schon in den ersten Tagen des Weltuntergangs zusammen mit seinem linken Unterarm verloren. Das war irgendwo in der Nähe des Busbahnhofs, als der Exodus begann und alle aus der Stadt flüchten wollten. Wohin auch immer, denn die Untoten waren nahezu überall. Sein matschiges Gehirn erinnerte sich nur noch schemenhaft an die Ereignisse, denn meist reichte sein angeschrammtes Gedächtnis nur bis zum letzten Mittagessen.

Vereinzelt aufblitzende Bilder flammten immer wieder auf, wenn er in einer ruhigen Minute – und davon hatte er inzwischen mehr als genug – an irgendeiner Straßenecke stand und leise vor sich hin stöhnte. Im Gegensatz zu den meisten anderen seiner Artgenossen war er lieber allein unterwegs um ausgiebig zu stöhnen und stundenlang ein abgeknicktes Straßenschild anzuglotzen. So ganz verstand er den Herdentrieb seiner Kollegen nicht, denn je mehr Zombies aufeinander trafen, desto weniger Futter blieb für den einzelnen übrig. Allerdings war die Menschenjagd im Rudel weitaus effektiver, das musste er neidlos zugeben. Als einzelner Zombie einen zappelnden und rennenden Menschen zu erwischen war schwierig, doch einige verirrten sich haltlos in den Straßenschluchten und dunklen Kellern der Stadt und oftmals tappten sie vollkommen unbedarft in die ausgebreiteten Arme des kleinen Zombies, auch wenn ihm die Sache mit dem linken Unterarm immer wieder zu schaffen machte. Als Lebender war er Linkshänder gewesen und das führte er nach dem Tode fort, so dass er einfach ständig vergaß, dass seine linke Hand nicht mehr vorhanden war um nach dem Fleisch der Lebenden zu greifen. Eine wirklich blöde und peinliche Situation, die vereinzelt von der Panik befreite Opfer schamlos ausnutzten und links an ihm vorbei huschten. Das waren allerdings Ausnahmefälle, meist gelang es den ängstlich erstarrten Menschen nicht der Klaue und den schnappenden Zähnen des kleinen Zombies zu entkommen. Immerhin hatte er noch alle Zähne, auch wenn ihm ansonsten allmählich die Gliedmaßen und Körperteile abhanden kamen. Nach und nach faulte alles weg, letzte Woche erst hatte er sein rechtes Ohr verloren als er ein wenig missmutig durch die Gegend wankte und an einem Stacheldrahtzaun beim Polizeipräsidium hängen blieb, in dem sich einige Lebende verschanzt hatten. Ein alter Kollege von ihm, dessen Name ihm ebenfalls entfallen war – irgendwas mit Peter oder Roger – hatte am Morgen ein Geräusch aus dem Gebäude vernommen und stöhnte alle in der Nähe stehenden Zombies zusammen. Insgesamt waren es 23 und der kleine Zombie war einer davon.

Gemeinsam marschierten sie auf das Präsidium zu und versuchten an verschiedenen Stellen durchzubrechen. Viele von ihnen scheiterten an einer Barrikade aus alten Autowracks und einem fast vollständig ausgebrannten Schulbus. Den halben Nachmittag verbrachten sie damit an den Wracks zu zerren und zu stoßen, doch alles was sie damit erreichten waren ein paar zerberstende Fensterscheiben und die Aufmerksamkeit der Menschen zu wecken, die verstört und in Bedrängnis geraten auf die Untoten schossen. Altes, fast braunes Blut und Gehirn stoben durch die Luft, zerfetzte Schädel klafften in der prallen Sonne eines heißen Sommertages und immer wieder fiel einer der Zombies endgültig tot um und blieb auf dem blanken Asphalt liegen. Dem kleinen Zombie wurde das zu viel und so stapfte er ein wenig ungeduldig und von oben bis unten blutig eingesaut davon um an anderer Stelle das Futter zu erreichen. Aus der Stadt hörte er nun weitere Artgenossen, wie sie stöhnend und jaulend auf die Quelle der Schüsse zu marschierten. Das war dann wie der Winterschlussverkauf des Einkaufszentrums und der kleine Zombie war sich ziemlich sicher, dass für ihn mal wieder nur ein angenagter Knochen oder der Blinddarm eines Opfers übrig blieb, wenn die Horde das Gebäude erst einmal gestürmt hätte. Also verzog er sich zur Rückseite der Polizeistation und fand dort tatsächlich ein Loch im Zaun. Und dort passierte es dann. Hinter einem rostigen Ölfass kam wie aus der Pistole geschossen ein Mensch hervor und rannte Deckung suchend über den mit Müll übersäten Hinterhof. Hektisch drehte der kleine Zombie seinen verschrumpelten Schädel und blieb mit dem Ohr am Stacheldraht hängen, der aus dem Loch im Zaun ragte. Zack war das Ohr ab und das vermeintliche Opfer verschwunden.

Es gab eben Tage an denen ging alles schief aber der kleine Zombie ließ sich nicht entmutigen. Denn trotz langer Fastenzeiten und elend langen Wochen in denen sich kein Mensch in den Straßen der Stadt zeigte existierten die Untoten weiter. Sie konnten einfach nicht verhungern auch wenn es quälend und grausam war. So schleppten sie sich weiter auf der Suche nach dem lebenden, zuckenden Fleisch durch die Gassen, stöhnten in den Parkhäusern und standen in kleinen Gruppen auf öffentlichen Plätzen um sich von frechen Tauben anscheißen zu lassen. Der kleine Zombie mied solche Gruppen, denn dort wurde nur blöd vor sich hin gestöhnt und eine echte Diskussion über das Leben, den Tod oder die politischen Folgeschäden der Apokalypse kam nie zustande. Gut, er selbst hatte auch nicht viel dazu beizutragen, aber irgendwie machte er sich doch Gedanken. Die blieben zwar selten länger als zwei Sekunden hängen aber wenigstens dachte er noch, im Gegensatz zu den meisten seiner herum schlurfenden Mitzombies. Einen festen Gedanken zu bewahren fiel aber auch ihm schwer, dennoch verlor er sich selbst immer wieder in den letzten Erinnerungen die ihm verblieben. Und das waren eben jene Bilder seiner letzten Minuten als Lebender am Busbahnhof. Er wusste noch, dass er mit jemandem dort war, einer Frau die mit ihm in der Schlange am Schalter stand, wo sie auf ein Ticket raus aus der Stadt hofften. Doch es sah nicht gut aus. Es war nur noch ein Schalter offen und an den drängten sich tausende Menschen. Irgendwo über ihnen ertönte die Glocke einer Turmuhr, es war drei Uhr Nachmittags. Beim dritten Schlag wurde es unruhig in den hinteren Reihen. Soviel war dem kleinen Zombie noch gewahr, von da an zerriss das Band zur Wirklichkeit und einzig einige kleine Bildfetzen von Blut und schreienden Menschen blieben erhalten. Als er wieder aufstand war er tot und sein linker Unterarm fehlte, ebenso wie seine Armbanduhr und die Frau. Von da an wandelte er als lebende Leiche durch die Stadt und verbrachte seine Tage mit stöhnen und Menschen auflauern. Und wie gesagt, am Anfang war das alles noch recht einfach. Die Menschen rannten kopflos durch die Gegend und versuchten den untoten Horden zu entkommen. In den Straßen wimmelte es von Frischfleisch und der kleine Zombie musste nur die Hand ausstrecken um einen von ihnen zu erwischen. Es dauerte eine Weile bis er dafür die Rechte benutzte anstatt der fehlenden Linken, aber nach und nach gewöhnte er sich daran, auch wenn ihm in seiner Gier nach den Lebenden immer mal wieder Fehler unterliefen.

Die Zahl der Untoten nahm rasch zu und schon bald war die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes tot. Nur noch vereinzelt liefen die Menschen durch die Straßen oder versuchten in die Läden einzubrechen um sich mit dem Nötigsten einzudecken. Zu Beginn des Untergangs unterschätzten sie ihren untoten Gegner und so fielen weitere Menschen ihrer eigenen Dummheit zum Opfer. Doch die Überlebenden lernten dazu, wieder im Gegensatz zu den Zombies, die nur sehr langsam gewisse Umstände in ihren faulenden Gehirnen in logische Zusammenhänge setzen konnten. Somit waren die Lebenden gewissermaßen im Vorteil und die Jagd auf sie fiel den Untoten zunehmend schwerer. Allerdings blieben die Untoten in der Überzahl und den Überlebenden gingen zusehends die Vorräte aus. Also wagten sie sich immer tiefer in die Stadt um Geschäfte zu plündern, doch dort warteten schon die Zombies und machten ihnen den Garaus. Einige Gebäude konnten die Lebenden zwar für sich vereinnahmen aber das waren nur wenige. Und auch dort gab es nicht genug zu Essen für alle auf Dauer und so verirrten sich immer wieder kleine Kampfgruppen in den Straßen. Inzwischen hatten sie es wirklich drauf den Untoten an den Kragen zu gehen, oft auch ohne Schusswaffen denn inzwischen war auch Munition ein seltenes Gut. Der kleine Zombie ging diesen Gruppen so gut es eben ging aus dem Weg, doch ab und an kam auch er ihnen ausversehen zu nahe und bei einem dieser Vorfälle hätte er fast seinen Kopf verloren, im wahrsten Sinne des Wortes. Gedankenverloren stand er mal wieder vor dem alten Metzgerladen in einer der Seitengassen seiner alten Heimat – er war sich ziemlich sicher das er irgendwo in der Nähe gewohnt hatte als Lebender, aber seine alte Bude hatte er noch nicht ausfindig machen können – als hinter ihm vier Lebende auftauchten und ihn mir nichts dir nichts angriffen. Einer hatte eine Machete dabei und wollte dem kleinen Zombie mit einem Hieb den hohlen Schädel vom Rumpf trennen, doch kurz bevor der den vor sich hin stöhnenden Zombie erreichte stolperte er über eine grünspahnige alte Handtasche, die halb versunken im Dreck der Straße lag, und machte dabei ein sehr seltsames Quietschgeräusch. Der kleine Zombie schaute sich nach dem ungewöhnlichen Geräusch um, halb aus seiner Starre aufgeschreckt, und das rettete ihm sozusagen das untote Leben. Der junge Mann mit der Machete verfehlte ihn um einen knappen Zentimeter und legte sich mit dem Gesicht voraus der Länge nach hin. Die Machete rutschte ihm dabei aus den Fingern und schlidderte scheppernd durch den Müll der Straße. In den umliegenden Gassen und Gebäuden erwachten die Untoten und strömten stöhnend und nach Fleisch gierend auf die Straße und umringten die vier Angreifer. Den einen am Boden verspeisten sie als erstes und von der Gruppe Überlebender entkam am Ende nur ein einziger, der panisch quiekend davon lief und nie mehr gesehen wurde. Der kleine Zombie bekam natürlich nur die Reste ab, nachdem die Horde weiter gezogen war. Ein Ohr und die Fetzen einer Niere waren an diesem Tag sein Abendessen und das war reichlich enttäuschend.

Seitdem war der kleine Zombie noch besser auf der Hut und versteckte sich tagsüber in den dunkleren Ecken der Stadt. Ein halb zusammengebrochener Tunneleingang am Fluss diente ihm als Unterschlupf, vor allem nachdem er herausgefunden hatte, dass dort ab und an mal Menschen durchkamen um die Stadt oder die andere Seite zu erreichen. Bei Einzelexemplaren musste er nur im Schatten warten und zugreifen sobald der Mensch in Reichweite kam. Inzwischen hatte der kleine Zombie seine Methode perfektioniert, er griff jetzt immer direkt nach dem Oberarm des Opfers, zog es zu sich heran und rammte die Zähne in dessen Hals. Das ging recht fix vonstatten und ließ den Opfern kaum Zeit zum schreien, was gut war, denn jedes laute Geräusch würde weitere Untote anlocken und dann blieben dem kleinen Zombie wieder nur die Reste vom Festmahl. Bei mehreren Personen war er vorsichtiger und griff sich meist nur diejenigen, die entweder verletzt waren oder die Nachhut bildeten. Schwer bewaffneten Gruppen ging er grundsätzlich aus dem Weg, denn er hatte bisweilen oft genug dabei zusehen müssen, wie sie seine Kollegen dahin metzelten und Hackfleisch aus ihnen machten.

Doch das Gehirn eines Untoten funktioniert eben nicht immer so wie es sollte. Meist vergaß der kleine Zombie nach einigen Stunden der Einsamkeit einfach, was er gelernt hatte. Einiges blieb zwar dort, wo es sein sollte, was ihm den Alltag wesentlich erleichterte, aber insgesamt blieb er doch seiner untoten Natur treu. Es gab immer mal wieder Tage an denen er aus seiner Trance erwachte und nicht wusste wo er sich gerade befand. Seine glibberig gelben Augen rollten herum und doch erkannten sie nichts wieder. Ab und zu war es sogar soweit gekommen, dass er in der Nähe einer der Gebäude erwachte, die von Menschen eingenommen waren. Das war dann besonders unangenehm für den kleinen Zombie, vor allem wenn sie ihn entdeckten und anfingen auf seinen Kopf zu schießen. Bei solchen Gelegenheiten musste er schon so manche Haarsträhne einbüßen und seine eingeschrumpelte Kopfhaut war übersät von Narben und frischen Striemen. Nicht nur der allgemeine Zerfall machte ihm zu schaffen sondern auch sein mitgenommenes Gedächtnis spielte ihm immer mehr Streiche. Und so war es nur eine Frage der Zeit bis es ihn endgültig erwischte. Eines schönen Morgens stand der kleine Zombie erneut in seinen alten Erinnerungen versunken vor dem Metzgerladen und kaute auf einer Leber herum, die er in der Nacht einem Wanderprediger abgenommen hatte, der eine Straße weiter in ihn hinein gelaufen war. Der Prediger wollte noch mit seinem eindrucksvoll bemalten Schild zuschlagen, auf dem in neonfarbenen Lettern: „Das Ende ist nahe!“ geschrieben stand, doch der kleine Zombie war schneller und riss dem Mann mit einem einzigen kräftigen Ruck den rechten Arm aus der Schulter. Damit hatte selbst der kleine Zombie nicht gerechnet und so stolperte er vollkommen überrascht nach hinten und landete im Rinnstein. Der Prediger stand noch eine Weile aufrecht da, hielt sich mit der Linken die blutende Schulter und schrie wie am Spieß. Was natürlich weitere Zombies anlockte, aber die brauchten diesmal etwas länger, schließlich war ja Sonntag und viele von ihnen waren in der Kirche um die Ecke. Das war wie die Sache mit den Einkaufszentren eine Art verbliebener Ur-Instinkt. Sonntags ging man eben in die Kirche, den Rest der Woche verbrachte man in der Mall. So blieb dem kleinen Zombie genügend Zeit den Prediger auszuweiden und einige Erinnerungsstücke mitzunehmen. Unter anderem die Leber, auf der er jetzt herum kaute und selig dösend vor sich hin starrte. Und so blieb ihm die Anwesenheit einer kleinen Gruppe Überlebender verborgen, die den kleinen Zombie schon von weitem gehört hatten und ihn nun beobachteten. Sie hatten sich heimlich angeschlichen und in einem Geschäft für Damenunterwäsche verschanzt. Grinsend richteten sie ihre Gewehre auf den kleinen Zombie und horchten auf weitere Untote in der Nähe. Doch es war sonst niemand da und so holten die Menschen zum letzten Schlag gegen den kleinen Zombie aus. Hinter sich vernahm er ein leises Klicken und er wollte sich schon umdrehen um nachzuschauen. Doch das Verderben traf den kleinen Zombie in dem Moment als ihm der Gedanke durch den Kopf schoss, gefolgt von einer Kugel Kaliber .45 die ihm den Schädel zerfetzte. Ein letztes, abrupt beendetes Stöhnen und der kleine Zombie ging zu Boden.

Armer kleiner Zombie, dabei wollte er doch nur noch ein wenig stöhnen und vor sich hin gammeln bis er eines Tages komplett auseinander fallen würde. Doch soweit kam es nicht und so stampften die Menschen achtlos über ihn hinweg, plünderten die Geschäfte und ließen ihn einfach liegen. Und so endet die Geschichte vom kleinen Zombie mit einem leisen Stöhnen und der Gewissheit, dass jeder irgendwann mal in den Arsch gekniffen wird.
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#2
Der Tag der Mehse

Endlich Freitag, dachte sich die junge Frau und chattete noch schnell mit einem alten Freund auf Facebook. Die ganze Woche schon hatte sie das unruhige Gefühl, dass etwas in der Luft lag… etwas Seltsames. Etwas Bizarres! Doch die Mehse wäre nicht die Mehse wenn sie dieses ungute Gefühl nicht erfolgreich unterdrücken könnte. Sie stürzte sich in ihre Arbeit und bastelte weiter an einem hochbrisanten, extrem geheimen Geheimprojekt mit der merkwürdigen Bezeichnung Sternenkind, das all ihre Aufmerksamkeit erforderte. Nach außen hin war sie die brave junge Frau, die bei einer Firma für Flugzeuginnenausbau beschäftigt war, doch in Wirklichkeit war sie die Leiterin eines geheimen Geheimlabors für außermehsische Artefakte und extrem bizarre Geräte, das für einen noch geheimeren Geheimdienst arbeitete und das unter dem Hamburger Flughafen versteckt war. Doch das erzählte sie niemandem, ebenso verschwieg sie die Tatsache, dass sie die intelligenteste Mehse des Universums war. Zur Tarnung spielte sie die Naive und führte alle hinters Licht, obwohl sie immer wieder den Drang verspürte sich ihren Freunden zu offenbaren. Doch das würde das komplette Raum-Zeit-Kontinuum durcheinanderbringen und das wäre fatal, nicht nur für die Mehse. Also fummelte sie weiter an dem neuen Wurmloch-Kaskaden-Übermehser Mark 10 – nur noch wenige Tage trennten sie von der Vollendung – und kümmerte sich um die Belange ihrer Untergebenen, von denen selbst kaum jemand ahnte, mit wem sie es in Wirklichkeit zu tun hatten.

Doch heute war Freitag und sie hatte nach dem Frühstück noch etwas Zeit bevor sie ihren Hausarzt Dr. Johnson besuchen würde. Es war mal wieder Zeit für den alljährlichen Mehsentest. Der war nötig um alle Einstellungen der Mehse zu justieren, damit sie nicht anfing zu dampfen oder auseinander zu fallen. Das wäre ihr peinlich und auch wenn sie keine große Lust verspürte war sie doch froh, dass sie Dr. Johnson wiedersehen würde. Sie kannte ihn noch aus ihrer Zeit als Studentin in Buxtehude, dort hatte er sie vor der bösen Nachbarin retten wollen, was, wie wir alle wissen, ja irgendwie total schief ging. Zumindest für die Beteiligten, denn die ganze Aktion – auch bekannt als Lawson-Affäre – hatte zu diversen Todesfällen und Zeitparadoxa geführt, die für ein heilloses Durcheinander sorgten. Es hatte einiges an Mühe und Aufwand gekostet, das wieder hinzubiegen und die Mehse bekam heute noch Kopfschmerzen wenn sie daran zurück dachte. Bis auf ein oder zwei kleine schwarze Löcher in irgendwelchen völlig vergessenen Zwergdimensionen blieb kein Schaden zurück, was insbesondere die Mehse ein wenig wunderte, doch innerlich war sie mehr als froh, dass ansonsten wieder alles so war wie zuvor. Gut, der eine oder andere zwischendimensionale Riss tat sich hier und da mal wieder auf, aber der war schnell geflickt mit ein bisschen flüssiger Mehse und Kaugummi. Das lag nun alles schon so lange hinter ihr, dass sie im Grunde nur noch selten daran denken musste. Schnell kasperte sie noch mit ihrem Facebookfreund herum und nach einem schnellen Blick auf das Mehsometer in der Küche, das zurzeit auf Pirnigelb stand, machte sie sich ausgehfertig. Der Winter stand vor der Tür, mit reichlicher Verspätung wie sie fand, und es war bitterkalt. Sie liebte die Kälte, denn ihr Heimatplanet Mehso 3 war ein eisiger kleiner Klotz auf dem nur Mehsen überleben konnten. Die Erde war ihr meist viel zu warm, vor allem im Sommer, da kam die Mehse echt ins Schwitzen und verlor ständig wertvolle flüssige Mehse. Die war zwar nicht wirklich gefährlich für Nichtmehsen, aber sie wusste nur allzu gut, wie sehr fremde Besucher und interdimensionale Reisende hinter dieser äußerst seltenen Substanz her waren. Denn die flüssige Mehse entstand nur auf einem einzigen Planeten im ganzen Universum und das war ihr kleiner Heimatplanet Mehso 3. Schon diverse Male hatte die Mehse leckgeschlagen wenn eines ihrer Ventile in der Sommerhitze wegschmorte und das lockte jedesmal ganze Horden Xenoloten, Halboniten oder verrückte Metaläufer aus der 8ten Dimension an. Oder auch aus der 7ten, da gab es eigentlich kaum Unterschiede, da beide ziemlich langweilig waren. Diese fremden Wesen wieder loszuwerden war immer eine Riesensauerei, aber manchmal kam man einfach nicht drum herum. Beim letzten Mal musste die Mehse ein ganzes Einkaufszentrum in der Nähe von Hannover sprengen und allein der Aufwand der Öffentlichkeit eine vollkommen irdische Ursache vorzugaukeln hatte sie drei Tage gekostet. Und Hannover ist neben der 8ten und der 7ten Dimension wirklich der langweiligste Ort jeglichen Seins.

Frohen Mutes warf sich die Mehse in ihre besten Winterklamotten und stapfte hinaus in die letzten Reste Schnee, die tiefgefroren an der Erde klebten und für einige Ausrutscher der Bewohner sorgten. Die Mehse selbst war dagegen gefeit, denn sie hatte ihre speziellen Spezialstiefel an mit denen sie nicht einmal auf Mehso 3 auf einem der spiegelglatten, eisigen Seen aus tiefgefrorener flüssiger Mehse ausrutschen würde. Aber Mehso 3 war weit entfernt und sie hatte dringenderes zu tun als darüber nachzudenken, wie es dort wohl momentan sein würde. Wahrscheinlich wie immer: total mehsig und arschkalt. In Hamburg wehte ein laues Lüftchen und bei -5° fühlte sie sich äußerst wohl. Ein paar Grad weiter unter Null wären ihr zwar lieber gewesen, aber man musste nehmen, was da war. Lächelnd glitt sie über die Straße zur Bushaltestelle – sie hätte sich auch einfach bei Dr. Johnson in der Praxis materialisieren können, aber das erschreckte ihn immer furchtbar und sie wollte nicht unhöflich sein – zeigte dem Fahrer ihre Monatskarte und setzte sich auf einen freien Platz am Fenster. Brummend fuhr der Linienbus an und steuerte in Richtung Innenstadt als sie wieder dieses seltsame Gefühl hatte, weit hinten in ihrem mehsigen Hinterkopf. Verwirrt schaute sie sich um und konnte doch nichts entdecken. Schnaufend wandte sie sich wieder dem kalten Hamburger Wetter zu und beobachte gedankenverloren die Straße, auf der sich schon all die Menschen tummelten, die nichts von der Mehse ahnten, zur Arbeit hasteten oder sonstwie versuchten diesen Tag irgendwie zu überstehen. Mit den eigenen Wünschen und Hoffnungen beschäftigt wandelten die Leute durch den dichten Verkehr, wichen irrsinnigen Radfahrern aus oder plapperten mit Ihresgleichen über dieses und jenes. Ahnungslos und blind für die Wunder des Lebens rasten sie von A nach B und wieder zurück und waren auf ihre Art glücklich. Oder auch nicht, der Mehse war es nahezu egal, sie wollte nur, dass es so blieb. Die Menschheit war noch lange nicht bereit für all das, von dem die Mehse wusste und das empfand sie als tröstlich. Sie waren wie kleine Kinder, die noch nicht wussten, wie es außerhalb ihrer kleinen Welt wirklich zuging und oftmals beneidete die Mehse sie darum. Obwohl sie natürlich auch Spaß hatte an den Dingen, die an allen anderen vorbeigingen. Sie mochte das Große und Ganze auch wenn sie selbst immer wieder daran erinnert wurde, dass sie selbst noch lange nicht alles wusste oder gesehen hatte. Aber dafür war noch Zeit, alles würde kommen wie es wollte und die Mehse war nicht überrascht als sich das Gefühl von vorhin jetzt noch hartnäckiger bemerkbar machte.

Wieder drehte sie sich auf dem Sitz am Fenster um und sah sich jeden Fahrgast einzeln an. Es waren insgesamt sieben weitere Personen im Bus, mit Ausnahme des Busfahrers den sie einfach mal aus der Rechnung nahm. Busfahrer waren selten mehr als eben genau das: Busfahrer. Das hatte sie die Erfahrung gelehrt. Wer Busfahrer wurde hatte so wenig Interesse am Universum, dass die Wahrscheinlichkeit extrem gering war, dass sich dahinter etwas Außermehsisches verbarg. Natürlich gab es die berühmte Ausnahme von der Regel, dessen war sie sich bewusst, aber bisher war sie ihr noch nicht untergekommen. Ganz hinten im Bus saßen zwei Teenager die sich gegenseitig sinnlose Katzenbilder per Handy schickten und dümmlich kicherten. Eine gute Tarnung für einen bizarren Halboniten, aber zu offensichtlich. Außerdem fehlte der typische Geruch nach altem Taubenkot, den Halboniten dezenterweise ständig von sich gaben. Die zwei dummen Gören waren derart gebannt von ihrer eigenen Belanglosigkeit, dass die Tarnung zu perfekt wäre für einen Halboniten. Davor saß zwei Reihen weiter ein junger Mann mit Irokesenfrisur und löchriger Lederjacke, der stumpf aus dem Fenster zur rechten sah. Ab und zu zuckte er zusammen, wenn sie eine Ampel kreuzten, aber das lag wohl eher am Allgemeinzustand des Punks. Er war vollkommen übermüdet und konnte kaum noch die Augen offenhalten, weil er offensichtlich die Nacht durchgefeiert hatte. Auch an ihm konnte die Mehse nichts ungwöhnliches feststellen. Für einen Xenoloten war er zu groß und viel zu dünn – Xenoloten tarnten sich lieber als schwangere Frauen oder fette Kerle mit Bierbäuchen – und für einen Metaläufer fehlte ihm das unsichtbare dritte Auge auf der Stirn, dass außer der Mehse sonst niemand sehen konnte ohne spezielle Spezialausrüstung. Ihm gegenüber wühlte eine Oma in ihrer riesigen Handtasche auf der Suche nach einem Taschentuch, denn ihre runzlige Nase lief ihr wie verrückt. Auch sie war ein ganz normaler Bewohner dieses Planeten, soweit die Mehse das auf den ersten Blick sehen konnte. In den Reihen vor ihr konnte sie drei weitere Menschen ausmachen, allerdings konnte sie nur deren Rücken sehen. Einer von ihnen war ein junger Inder mit einem weißen Turban auf dem Kopf, der angeregt in ein kleines Handy plapperte und kaum eine Pause machte um seinem Gesprächspartner zuzuhören. Die Mehse konnte japanisch aber leider kein indisch, von daher war ihr schleierhaft, was der junge Mann so wichtiges zu erzählen hatte. Auf der anderen Seite des Busses saßen zwei Nonnen beisammen, aber auch von ihnen ging nichts Ungewöhnliches aus. Das war mehr als unbefriedigend und so behielt die Mehse alles ganz unauffällig im Augenwinkel und konzentrierte sich auf das seltsame Zerren in ihrem Hinterkopf.

Bis zu Dr. Johnsons Praxis waren es noch einige Minuten und so musste sie wohl oder übel im Bus sitzen bleiben und der Dinge harren die da kommen wollten. Innerlich wie eine Sprungfeder gespannt wartete sie einfach ab. Das Zerren wurde stärker doch sie wollte sich keinen Fehler erlauben und hecktisch werden. Ruhe bewahren war das Motto der Mehse, also blieb sie cool. An der nächsten Haltestelle stieg der Punk aus und mehrere kleine Japaner bestiegen den Bus. Sie wuselten und schnatterten auf japanisch und die Mehse verstand jedes Wort. Aber das blendete sie aus, denn auch die Japaner hatten nicht wirklich viel zu melden außer einigen seltsamen Bemerkungen über Tintenfische und deutsche Sportwagen. Der Bus ruckte voran und nun wurde das Ziehen in ihrem Kopf unerträglich. Ein letztes Mal sondierte die Mehse die Lage und endlich erkannte sie die Ursache für ihr Unbehagen. Ganz hinten links, direkt unter einem der kleinen in der Buswand versenkten Lautsprecher für die Durchsagen entdeckte sie einen unauffälligen kleinen Knubbel aus unmehsischer Materie. Wie gebannt fixierte sie die winzige Beule und wollte schon ihren Augen nicht trauen. So einen Knubbel hatte sie das letzte Mal auf der außermehsischen Station Ether Sterz in der Nähe des ewig umnebelten Plastosterns Klorrrdo Pimpf gesehen, damals im zweiten mehsischen Krieg gegen die zugekoksten Orthopäden von Perdo Mummel 7, einem äußerst klebrigen Planeten im äußersten Sektor des Pferdeschuhnebels. Aber das war lange her und eigentlich dachte die Mehse bisher, dass sie solch einen unmehsischen Klumpen niemals wiedersehen würde. Alle ihre inneren Schalter stellten sich um auf Panik und mit einem Ruck setzte sich die Mehse auf, kramte in ihrer Manteltasche herum und brachte den speziellen Minimehser zum Vorschein, den sie nur in dringendsten Notfällen benutzte. Doch der Knubbel war schneller. Blitzartig öffnete er sich wie eine frühmorgendliche Blüte und schoss einen irisierenden, extrem tödlichen Orthopädenstrahl in ihre Richtung, den ansonsten niemand sehen konnte. Allerdings schauten alle Mitreisenden auf, als die Mehse sich plötzlich in den Gang warf und mit einer erstaunlich eleganten Vorwärtsrolle hinter einer Sitzreihe Deckung suchte. Eine der Nonnen erschrak und fiel spontan in Ohnmacht, zwei der kleinen Japaner an der Tür fotografierten alles automatisch und die zwei Teenies ganz hinten hörten endlich auf zu kichern. Nur die Oma und der Busfahrer bekamen nichts mit, denn der eine war mit busfahren beschäftig und die andere schnäuzte sich in dem Moment in ihr übergroßes Taschentuch als der Knubbel auf die Mehse feuerte.

Eine Durchsage kündigte die nächste Haltestelle an und die Mehse sprang auf um auf das widerliche kleine Ding hinten im Bus zu schießen. Doch in dem Moment trat der Busfahrer auf die Bremse, weil irgendein Idiot vor ihm auf die Straße rannte, und hupte wie wild. Die Mehse wurde in die Gruppe Japaner geschleudert, die daraufhin noch emsiger anfingen zu schnattern, die andere Nonne verlor ebenfalls das Gleichgewicht und fiel auf ihre ohnmächtige Kollegin, während die Oma sich den Kopf an einer Haltestang stieß und einem der Teenager das verfluchte Handy aus den Händen rutschte und zu Boden fiel. Es zerschellte in tausend Einzelteile und die Mehse dachte nur noch, dass man Handys niemals im Sonderangebot kaufen sollte, schon gar keine japanischen. Der Schuss aus dem Minimehser ging in die Decke und zerfetzte das Dach des Busses. Eisiger Wind und der Lärm von draußen strömten herein und jetzt drehten alle vollkommen durch, bis auf die Mehse, die kläglich versuchte in dem Wust aus japanischen Armen und Beinen wieder auf die Beine zu kommen. Die Oma jaulte laut vor Schmerzen und verfluchte die Regierung, die nicht für anständige öffentliche Verkehrsmittel sorgen konnte, die Japaner kreischten alle mit ihren hohen Stimmen durcheinander, dem Inder brannte seltsamerweise der Turban, die eine Nonne fluchte unanständig über den verdammten Busfahrer und die Teenies quiekten panisch und gafften das klaffende Loch im Dach an. Der Busfahrer bemerkte nun ebenfalls, das irgendetwas nicht stimmte und schaute um den Sichtschutz herum nach hinten in die Kabine. Die Mehse wollte irgendeine Warnung in den Bus rufen, doch der Knubbel schoss erneut in die Menge. Einem der Japaner explodierte der Schädel und glotterte alle Umstehenden – oder eher alle Umherwirbelnden – mit grauer Gehirnmasse und literweise Blut voll. Das war ziemlich unangenehm, vor allem für den Japaner, der nun leicht kopflos durch den Bus wankte und Blut und Gekröse spritzend zwischen die Sitze fiel. In all dem Durcheinander war es für die Mehse unmöglich eine geeignete Schussposition einzunehmen um den außermehsischen Angreifer ins Nirvana zu befördern.

Doch das war gar nicht mehr nötig. Der Bus stand endlich und die Mehse konnte mehr oder weniger ungehindert durch das Loch im Dach gen Himmel schauen, wo sich eine dichte Wolkendecke gebildet hatte aus der es recht merkwürdig blinkte und blitzte. Der Knubbel enttarnte sich nun endgültig, aber das bekam schon niemand mehr mit. Alles schrie und brüllte durcheinander, nur die Mehse starrte gebannt zu den Wolken auf, die sich wie ein Vorhang langsam teilten. Sie musste irgendetwas tun, dachte sie noch bei sich, und als allererstes müsste sie sich von den Japanern befreien. Die wogen immerhin nicht besonders viel und nachdem sie endlich einen Arm befreien konnte, schob sie die trillernden und quietschenden Asiaten einfach beiseite, wobei eine von ihnen sie noch beleidigte, aber das kümmerte sie herzlich wenig. Rasch warf sie einen Blick in die hintere Busecke und sah, wie sich der Knubbel langsam von der Wand löste. Er wollte offensichtlich zu seinem Mutterschiff, aber das konnte die Mehse nicht zulassen. Ein wenig wackelig auf den Beinen zog sie sich an einem der Haltegriffe hoch, richtete den Minimehser auf den Knubbel und erwischte ihn noch im letzten Moment, kurz bevor er sich schmatzend von dem Bus trennen konnte. Wieder riss der Mehser ein riesiges Loch in den Bus und die Insassen schrien wieder panisch auf, ebenso wie einige Passanten auf der Straße, die das ganze beobachteten. Hinter dem Bus kam es zu einem Stau, Auto an Auto und viele der Fahrer und Mitfahrer starrten nun ebenfalls wie gebannt auf das Chaos vor ihnen. Immerhin lenkte sie das von dem Unheil über ihnen ab. Ohne einen weiteren Gedanken an ihre Mitreisenden zu verschwenden lief die Mehse zum hinteren Ende des Busses und sprang auf die Motorhaube des ersten Wagens. Der Fahrer war viel zu perplex um irgendeine Reaktion erahnen zu lassen und so hüpfte die Mehse geschickt und mit gezogener Waffe auf sein Dach. Die Wolken entließen nun ein gewaltiges Schiff aus außermehsischer Materie. Flackernd und in tausend Farben reichlich verwirrend blinkend und glitzernd schwebte es unter einem extrem tiefen Brummen zur Erde hinab. An den Seiten des kreisrunden Gefährts öffneten sich mehrere Luken aus denen tausende Knubbel hinausschossen und in alle Richtungen davonstoben. Die Orthopäden hatten die Mehse gefunden.

Das war gar nicht gut, dachte die Mehse und schaute hilflos zu wie sich die kleinen Knubbel über Hamburg verteilten. Jeden einzelnen zu erwischen war selbst für die Mehse zu viel, auch wenn sie auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen konnte. Sie musste Hilfe holen und da fiel ihr nur einer ein. Hektisch kramte sie in ihrer Jackentasche nach dem Handy und suchte in ihrer Liste nach einer ganz bestimmten Nummer. Lange musste sie nicht suchen, denn diese spezielle Spezialnummer war gleich ganz oben die zweite auf der Liste, gleich nach dem Pizzadienst. Sie drückte auf das Display und ihr kleines mobiles Mehsophon –eine spezielle Spezialanfertigung eines ongomanischen Peters von Exvorb Acht, dem sie mal das Leben gerettet hatte – stellte sofort eine Verbindung her. Es tutete eine ganze Weile während das Mutterschiff der Orthopäden sich in der Mitte unten öffnete und ganz gemütlich ein wurmartiges, schleimiges und ziemlich geripptes Rohr ausfuhr. Mit Grauen erinnerte sich die Mehse an die letzte Schlacht mit solch einem Schiff. Das Rohr war in Wirklichkeit ein orthopädischer Hirnsauger und die Mehse befürchtete das Schlimmste. Wenn der Sauger erst einmal anfangen würde zu saugen würde der Menschheit Böses widerfahren. Auch das konnte sie nicht zulassen und allmählich verfluchte sie den Mann, den sie gerade versuchte anzurufen. Die Menschen um sie herum sahen nun alle das enttarnte Schiff und die unzähligen Knubbel. Ein paar Leute zogen ihre Handys hervor und filmten alles, was der Mehse tierisch gegen den Strich ging, denn sobald sie das hier alles geradegebogen hätte würde sie dafür sorgen müssen, dass die vielen kleinen Filmchen wieder gelöscht wurden. Die meisten allerdings schauten nur wie erstarrt das fremde Schiff an oder vielen in Ohnmacht. Einige wenige jubelten und begrüßten die Besucher aus dem All. Wenn die wüssten, dachte die Mehse und wollte schon auflegen, als am anderen Ende der Leitung endlich jemand abnahm.

„Lobo Lawson?“

Einen Moment wusste die Mehse gar nicht, was sie sagen sollte, denn wie immer, wenn sie die dunkle Stimme hörte musste sie an die Ereignisse von 2001, 2002 und 3001 zurück denken und dann überkam sie jedes Mal ein heftiger Anflug von Nostalgie. Dank ihres alten Freundes und Mietshausexperten Lobo Lawson war sie zur Sternenmehse geworden und hatte so einige Abenteuer seither miterleben dürfen. Das war zwar oftmals sehr anstrengend und aufwühlend, dennoch war sie dankbar, denn ohne ihn wäre ihr Leben auf der Erde weitaus langweiliger gewesen. Nun war es an ihm, ihr aus der Patsche zu helfen. Grinsend hob sie das Mehsophon an ihr Ohr.

„Gut, dass sie rangegangen sind, Mr. Lawson!“

„Woher wissen Sie das?“ Wie immer war Lobo mehr als misstrauisch, denn immerhin könnte ja irgendein geheimer Geheimdienst seine Nummer herausgefunden haben um ihn aufzuspüren. So ein Lawson war sehr wertvoll für die Typen von der NSA, dem FBI, dem CIA oder irgendeiner anderen Organisation mit einer extrem coolen Abkürzung als Namen. Allein um all seine Geheimnisse für sich einzusacken, oder um ihm seltsame Sonden in alle möglichen Körperöffnungen zu schieben. Lobo Lawson kannte sich da gut aus, vor allem mit letzterem. Rasch ließ er eine spezielle Spezialsuchsoftware durch sein Lobophon laufen und nach einigen Sekunden bestätigte es aufgrund von Stressmustern und Klangfarbe die Stimme der Originalmehse.

„Sie sind eine Mehse!“, sagte er und lächelte kurz in einem eigenen Anflug totaler Nostalgie. Er hasste Rückblenden, aber in diesem Fall machte er eine Ausnahme.

„Das ist richtig.“, bestätigte die Mehse. „Mr. Lawson, ich rufe aus Hamburg an. Wir haben Orthopäden!“

„Orthopäden? Das könnte gefährlich werden!“

„Es ist schon gefährlich! Sie sind überall und die Idioten auf der Straße filmen alles mit.“ Mit dem Handy am Ohr beobachtete die Mehse die Leute und fluchte innerlich. Irgendwo an der nächsten Kreuzung tauchte schon das erste Fernsehteam auf, das wohl gerade in der Nähe gewesen war. Wieder mal typisch, wenn etwas passierte war die Presse als erstes vor Ort.

„Ich bin gleich da.“, sagte Lobo und legte auf. Ein wenig aus dem Konzept gebracht schaute die Mehse ihr Mehsophon an und runzelte die Stirn. Wie immer wenn sie es mit Lobo zu tun hatte war sie reichlich verwirrt, dieser Mann schaffte es regelmäßig sie durcheinander zu bringen mit seiner abrupten Art. Sie ging davon aus, dass er sich in seinem geheimen Geheimbüro in Bottrop aufhielt und er noch eine Weile brauchte um es nach Hamburg zu schaffen, von daher konnte „gleich“ bei ihm einige Stunden bedeuten, oder fünf Minuten. Doch das würde sie spätestens dann mitbekommen, wenn Lobo hier auftauchte. Sie musste sich jetzt erst mal um Wichtigeres kümmern. Schnell knipste sie noch ein eigenes Foto von dem orthopädischen Schiff, sendete es an Lobos Nummer und wählte eine andere Nummer weiter unten. Diesmal ging die Person am anderen Ende sofort ran und der Mehse fiel ein Stein vom Herzen.

„Johnson, was kann ich für sie tun?“

Die Mehse sprang von dem inzwischen leicht verbeulten Audi und rannte Richtung Kongresszentrum. „Ich bin`s, die Mehse!“

„Ah, eine Mehse.“ Dr. Flumo Johnson hörte sich wie immer reichlich entspannt an und freute sich offensichtlich über den Anruf. Ob es an all den bunten Pillen in seiner Praxis lag oder daran, dass er wirklich einfach nur ein sonniges Gemüt hatte, konnte die Mehse nicht sagen. Sie war nur froh, dass er erreichbar war. „Hatten wir nicht einen Termin in 10 Minuten?“

„Vergiss den Termin.“ Die Mehse sprang über mehrere am Boden liegende Passanten, stieß einen Zeitungshändler um, der gerade blöd nach oben glotzend seine kleine Verkaufsbude verließ, und hörte von weitem die heulenden Sirenen der Polizei. „Wir treffen uns beim Kongresszentrum, am besten auf dem Dach.“

Die Stimme Flumo Johnsons wurde etwas angespannter. „Was ist denn da bei dir los? Klingt nach Weltuntergang.“

„So ungefähr, wir werden von Orthopäden angegriffen!“ Die Polizei bog am oberen Ende der Straße in ihre Richtung doch die Mehse bezweifelte, dass sie es auch nur in die Nähe des orthopädischen Schiffes schaffen würde, das tief über Hamburg schwebte. Die Straße war dicht mit Autos und Menschen, die alle aus den Häusern und Geschäften strömten um das außerirdische Ding anzugaffen. Die Panik würde bald vollends ausbrechen, aber dann würde es zu spät sein. Dies war das Ende der Welt und alle wollten daran teilhaben ohne wirklich zu wissen, worum es ging. Sobald die Orthopäden anfingen menschliche Gehirne abzusaugen würde es zu Tumulten kommen und ein Durchkommen auf den Strassen wäre nahezu unmöglich. Die Mehse legte einen Zahn zu, wollte aber noch nicht auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, da sie die Auswirkungen auf die Umgebung nicht abschätzen konnte. Sie könnte eine breite Schneise der Verwüstung hinterlassen, aber das würde sie nur im allerletzten Notfall in Betracht ziehen. Im All war das etwas einfacher, da konnte man sausen und brausen wie man wollte, vor allem wenn man eine Sternenmehse war, hier innerhalb einer Atmosphäre könnte das total danebengehen, sie könnte schwarze Löcher öffnen oder die Gravitation erheblich beeinflussen, was für noch mehr Chaos und Zerstörung sorgen würde. Der Rüssel aus dem Raumschiff näherte sich dem Boden und jetzt konnte die Mehse das elende Sauggeräusch vernehmen, dass das Ding von sich gab. Nicht mehr lange und die ersten Gehirne würden eingesaugt werden zur Weiterverarbeitung durch die irren Orthopäden. Sie musste sich sputen.

Keine fünf Meter vor ihr erstrahlte ein grelles Licht mitten auf dem Fußweg. Eine bizarr leuchtende Kugel schälte sich aus dem Nichts heraus und wie angewurzelt blieb die Mehse stehen. Das war entweder eine weitere böse Überraschung der Orthopäden oder etwas vollkommen Neues. Die umstehenden Menschen rempelten sich gegenseitig um damit sie der seltsamen Kugel entkommen konnten. Die brannte sich gerade in die Betonplatten darunter und strahlte ganz allgemein eine ungeheure Hitze aus. Zur Sicherheit zog die Mehse ihren Minimehser und richtete ihn auf das merkwürdige Objekt, das für einen Moment noch heller strahlte, sich dann in eine Art Gittermuster aufteilte und mit einem irisierenden Geräusch verschwand. In dem dampfenden halbrunden Loch am Boden saß ein Mann in einem extrem coolen Mantel, auf dem Kopf eine Seemannsmütze und im Gesicht zwei Sonnenbrillen, deren Coolness sich durch den doppelten Einsatz extrem verstärkten. Der Mann kniete dort vollkommen gelassen und hob langsam den bebrillten Kopf.

„Mr. Lawson!“ Die Mehse grinste ihn an. „Gut, dass Sie gekommen sind.“

„Ja, das bin ich tatsächlich.“ Der Mann stand knirschend auf und genoss noch ein wenig den extrem coolen Dampf um ihn herum. Mit beiden Händen hielt er eine erstaunliche Maschinenkanone, die er jetzt ganz locker gen Himmel richtete. „Oh, Scheiße, dass ist ja mal ein dickes Ding. Das erinnert mich an einen Vorfall in der Bremer Innenstadt, aber da ging es um fliegende Killerfische, die mich wiederrum an einen Film von James Cameron erinnerten, weshalb ich abends noch mal Titanic gucken musste.“

„Das ist wirklich eine erstaunliche Zeitverschiebungseinrichtung mit der Sie da gekommen sind.“, sagte die Mehse. Allmählich hatte sie ein gewaltiges Dejavù. „Nur die Sache mit dem Loch im Beton ist nicht so der Knaller.“

Lobo nickte und nahm eine der Sonnenbrillen ab. „Ja, ich weiß, das wird immer schweineteuer. Einer der Nachteile einer Zeitverschiebungsmatrix. Ansonsten ist das aber total cool. So eine hat nämlich auch der Terminator benutzt. In Terminator. Und Terminator 2.“

„Und in Teil 3.“, meinte die Mehse und blinzelte, weil sich die Sonne in einer der Sonnebrillen ihres alten Freundes spiegelte.

Lobo verzog das Gesicht. „Der zählt nicht. Der war scheiße.“

Die Mehse nickte, denn sie wusste ganz genau, wovon der Lobo sprach. Der kam aus seinem Loch heraus und schaute sich um. Überall glotzten die Leute immer noch das Schiff am Himmel an, die Polizei stand im Stau fest und die Knubbel flog wild durcheinander. Der Sauger schien zu klemmen, denn er hing ruckelnd und zuckend über eines der Hochhäuser in der Nähe und gab seltsame Geräusche von sich.

„Die haben wohl Schwierigkeiten mit ihrem extrem gerippten Schlauch.“ Rasch warf Lobo einen Blick durch sein Zielfernrohr an der erstaunlichen Maschinenkanone. „Scheint zu klemmen.“

Die Mehse nickte erneut und zog ihren Freund in eine Seitengasse. „Umso besser, das verschafft uns etwas Zeit. Wir treffen uns mit Dr. Johnson auf dem Dach des Kongresszentrums. Von da haben wir alles im Blick und können die große Satellitenschüssel benutzen um den Orthopäden den blanken Arsch aufzureißen. Dort oben können wir die Orthopäden vernichten!“

Lobo nickte und gemeinsam rannten sie die Seitengasse entlang. Sie brauchten eine knappe viertel Stunde um durch den Verkehr zu kommen und das Kongresszentrum zu erreichen. Währenddessen hatten die Orthopäden ihren Rüssel repariert der sich wieder unaufhaltsam dem Boden näherte. Die fliegenden Knubbel begannen nun damit auf die Leute auf der Straße zu schießen. Überall explodierten Tankstellen und Leute wurden verdampft, Gullideckel schossen aus dem Boden und Fensterscheiben zerbarsten. Blut und Schreie lagen in der Luft, Panik brach aus und der Mob versuchte dem Terror zu entkommen. Lobo und die Mehse rannten durch die Menschenmenge in das Kongresszentrum direkt auf die Fahrstühle zu. Sie hatten Glück, denn einer der Fahrstühle öffnete sich gerade und entließ einige schreiende oder brennende Menschen. Hektisch drückte die Mehse auf den obersten Knopf und winkte einem der panischen Leute ab, der wieder in die Kabine zurück wollte. Sie deutete auf die erstaunliche Maschinenkanone die Lobo in den Händen hielt und der Mann beließ es dabei. Stattdessen lief er in Richtung Ausgang davon wo er von einem Knubbel in seine Bestandteile aufgelöst wurde. Kurz bevor sich die Türen schlossen konnte die Mehse aus dem Lift heraus noch sehen, wie der Rüssel zwischen den Häusern herumwuselte und den Leuten die Gehirne absaugte. Das war schlimm, richtig schlimm, aber hier und jetzt konnte sie nichts ausrichten gegen diesen unsäglichen Unsinn aus dem All. Langsam fuhr der Fahrstuhl an und nahm Fahrt auf. Die einzelnen Stockwerke rasten an ihnen vorbei und aus einigen versteckten Lautsprechern erklang eine Easy-Listening-Version von „You could be mine“ von Guns`N Roses, was Lobo irgendwie cool fand. Die Mehse hing ganz anderen Gedanken nach.

„Ich hoffe Flumo hat es inzwischen geschafft aufs Dach zu kommen.“

Lobo grinste schief und wackelte mit dem Kopf. „Er wird sicher seine erstaunliche Flugplattform genommen haben. Der Junge wartet bestimmt schon oben auf uns.“

Ein lautes Pling! ertönte und der Fahrstuhl hielt an. Allerdings nicht im Dachgeschoss, sondern drei Stockwerke darunter. Die Tür ging auf und dahinter stand ein irrer Orthopäde. Die Mehse reagierte sofort und zog ausversehen statt des Mehsers ihr Mehsophon und wollte auf das bizarre, irgendwie verknotete Wesen schießen. Stattdessen drückte sie die Wahlwiederholung und irgendwo hinter dem Orthopäden erklang die Klingeltonvariante von „Don`t worry, be happy“. Der Orthopäde war sichtlich verwirrt und drehte sich panisch um. Lobo hob seine erstaunliche Maschinenkanone und richtete sie auf das außermehsische Wesen. Das explodierte in einem widerlichen Schwall blauer Masse, die sich herrlich glotternd im Fahrstuhl und auch in alle anderen Richtungen verteilte. Die Mehse und Lobo waren von oben bis unten eingesaut, aber das kannten sie ja schon.

Aus dem Rauch des Ex- Orthopäden schälte sich die Silhouette von Dr. Flumo Johnson, der grinsend und ebenso vollgeglottert auf die beiden zukam. In der rechten Hand hielt er einen Becher Kaffee. Er schmunzelte.

„Ihr seht ja scheiße aus.“

Die Mehse grunzte. „Danke, vielen herzlichen Dank. Die Jacke habe ich erst letzte Woche gekauft.“

Flumo nickte. „Ja, tut mir leid. Echt. Ich bezahle die Reinigung. Können wir jetzt aufs Dach?“

„Was machst du denn hier unten?“ Mit einem merkwürdigen und extrem komplizierten Begrüßungshandschlag begrüßte Lobo seinen alten Kollegen. „Wir dachten, du wärst schon oben.“

„Auf dem Weg zum Dach hat mich dieser Penner da verfolgt.“ Er deutete auf die glibberig dampfenden Überreste des Orthopäden. „Ich hab` ihn hierher gelockt und mich dann hinter einem Cola-Automaten versteckt. Zur Tarnung.“

Lobo verstand und nickte wissend. Tarnung ist das Beste Mittel gegen das Böse in der Welt, das hatte er schon damals verstanden, in Vietnam als seine ganze Einheit versprengt wurde und er tagelang im Dschungel umherirrte, Charlie um ihn herum und ständig in Gefahr entdeckt und vermöbelt zu werden. Hachja, glorreiche Zeiten waren das. Aber jetzt war keine Zeit für eine Rückblende. Er riss sich zusammen und stieg mit seinen zwei Begleitern zurück in den vollgeglotterten Fahrstuhl. Eine Minute später waren sie im obersten Stockwerk, wo sie schon von einer ganzen Schar herumwuselnder Orthopäden und fliegende Knubbel erwartet wurden.

Die Mehse stand wie erstarrt da und schaute die wogende Menge an. Irgendetwas stimmte nicht, sie kam nur nicht drauf. „Warum schießen die nicht auf uns?“, flüsterte sie und tauschte ihr Handy gegen den Minimehser.

Dr. Johnson zuckte mit den Schultern. Das war wie damals auf der eisigen Rutschbahn in Braunschweig, im Sommer der Verwirrung 1998, als eine Bande krimineller Pinguine versucht hatte die öffentliche Bibliothek zu entführen, was aber nicht klappte, da am Sonntag dort niemand arbeitete. Aber auch Flumo hatte jetzt keine Zeit für eine Rückblende. Und schon gar nicht in Schwarz Weiß! Er hasste sowas und jedes Mal wenn er im Kino saß, mit einer Riesenportion Natschos und einer noch größeren Cola auf dem Schoß, und er sich gerade entspannte, weil ganze Horden von Zombies über die Protagonisten herfielen, kam eine Rückblende. Und jedes Mal musste er beherzt eingreifen und den Kinobesitzer erschießen. Das konnte einem das ganze Wochenende versauen. Aber er schweifte ab und auch dafür hatte er jetzt keine Zeit. Das hasste er sogar noch mehr als Rückblenden, aber er konnte sich ja schließlich nicht selbst erschießen.

„Ich glaube die sehen uns nicht.“ Lobo winkte mit der erstaunlichen Maschinenkanone, doch die Orthopäden reagierten nicht einmal. Sie starrten nur gebannt auf den offenen Fahrstuhl mit ihren 23 bis 49 Augen, abhängig von ihrem Rang. Und tatsächlich konnten sie nicht viel sehen außer sehr viel Orthopädenglotter und eine für sie leere Fahrstuhlkabine. Aus der Sicht der Orthopäden sah das ziemlich verwirrend aus, da sie gleichzeitig in 23 Dimensionen sehen konnten. Nur eben nicht in einer ganz bestimmten und das war das große Problem der Orthopäden, sie konnten im wahrsten Sinne des Wortes kein Blut sehen, zumindest nicht ihr eigenes. Spaßeshalber machte Lobo einen Schritt nach vorne aus der Kabine raus und schoss einem der Wesen das seltsam verknotete Gesicht weg. Die anderen Orthopäden sprangen daraufhin panisch durch die Gegend und gaben extrem seltsame Quietschgeräusche von sich. Doch sehen konnten sie ihren Feind nicht. Grinsend winkte er den anderen beiden zu ihm zu folgen.

„Das ist bizarr.“, meinte die Mehse. Ein wenig unsicher folgte sie den beiden durch den langen Flur, umgeben von durcheinander wirbelnden Orthopäden und verwirrten Knubbeln. „Warum sehen die uns nicht?“

Lobo lugte um eine Ecke und entdeckte noch weitere Orthopäden, die damit beschäftigt waren eine noch viel erstaunlichere Maschinenkanone an einem der Fenster aufzubauen. Er war ein wenig neidisch, aber die konnte er sich später schnappen, für seine Sammlung. „Ihr Blut, Mehse. Sie können ihr eigenes Blut nicht sehen und frag mich jetzt nicht, woher ich das weiß. Da vorne ist die Treppe zum Dach. Mir nach!“

Die Mehse stutzte kurz, das ganze kam ihr mehr als merkwürdig vor. Kurz vor dem Treppenaufgang blieb sie stehen und sah sich um. „Können die uns denn nicht hören?“

Lobo stutzte ebenfalls. „Ööööhm…“

Alle Orthopäden und Knubbel drehten sich gleichzeitig zu ihnen um und fingen an zu schießen. Das totale Chaos brach im obersten Stockwerk des Kongresszentrums aus, Wände und Türen explodierten, Fensterscheiben barsten, überall flogen Fetzen von Metall und Glas durch die Gegend, eine dichte Wolke aus Rauch, Staub und Asche verdeckte die Sicht, irgendwo jaulte eine Katze. In letzter Sekunde schafften es die drei Helden in den Treppenaufgang zu hechten, was total cool aussah, nur leider bekam es außer ihnen niemand mit.

„Verdammt, ich hätte meine Kamera mitnehmen sollen!“, schimpfte Lobo und duckte sich als ein schweres Metallteil knapp an seinem Kopf vorbeisauste und in die gegenüberliegende Wand donnerte. Die dicke Staubwolke folgte ihnen. „Wir müssen hier raus!“

Flumo stöhnte. Er rollte sich angestrengt auf die Seite und schaute seine zwei Begleiter schmerzerfüllt an. „Geht ohne mich weiter! Mich hat`s erwischt!“ In seiner linken Niere steckte ein weiteres, sehr spitzes Metallteil und ragte am anderen Ende heraus, sein eigenes Blut tränkte nun zusätzlich sein extrem cooles Tarnhemd. Das erinnerte ihn an einen Film den er mal gesehen hatte, er kam nur nicht drauf, um welchen es sich handelte.

Lobo und die Mehse schauten sich kurz an. „Scheiße!“

„Geht nur, ich halte die Biester auf.“ Sagte es und richtete seine etwas kleinere, aber nicht minder erstaunliche Maschinenkanone in die Staubwolke. Die anderen beiden wussten, dass sie jetzt einen zwischenmenschlich wertvollen Dialog starten müssten, aber ihnen war auch klar, dass sie dafür keine Zeit hatten. Also ließen sie Dr. Johnson einfach an der Tür sitzen und rannten die Treppe hinauf. Flumo schaute ihnen nach und verstand. „Ja, Mann, lasst mich hier einfach verrecken.“

Oben angekommen trat Lobo Lawson die letzte verbliebene Tür mit seinem schweren Stiefel ein, die genügsam aus ihren Angeln krachte und zu Boden fiel. „Das wollte ich schon immer mal machen.“

Die Mehse schüttelte nur den Kopf und ging an ihm vorbei aufs Dach. Ein wenig rot im Gesicht folgte Lobo ihr und marschierte schnurstracks an einem uralten Pornokalenderbild an der Wand vorbei, das da offensichtlich schon seit 1988 hing. Dafür hatte er jetzt keine Zeit, dennoch warf er einen raschen Blick auf die umfangreichen Brüste der beherzt posenden jungen Dame, auch wenn die schon reichlich vergilbt und verknittert waren. Mit gehobenen Waffen liefen unsere Helden über das kiesbestreute Dach. Es knirschte unheimlich unter ihren Füßen, was beide ziemlich cool fanden, das sorgte für die richtige Atmosphäre. Hinter sich konnten sie von unten die Schüsse aus Flumos erstaunlicher Maschinenkanone hören. Er war extrem beschäftigt und solange er noch auf Orthopäden ballern konnte mussten sich die beiden keine Sorgen um ihn machen. Die quietschenden Schreie und die platzenden Geräusche der explodierenden Gegner waren Musik in ihren Ohren. In der Mitte des Daches stand eine riesige Satellitenschüssel, die sie hin und her hechtend ansteuerten. Das Hechten war in dem Fall nicht wirklich nötig, aber irgendwie gehörte es dazu, weshalb sich die beiden das auch nicht nehmen ließen. Außerdem hielt es fit.

„Dort ist es!“, rief die Mehse. „Dort können wir das Raumschiff vernichten!“

Ein Stockwerk unter ihnen detonierte irgendetwas. Die dicke Staubwolke schob sich nun die Treppe rauf und verteilte sich in der winterlichen Luft über Hamburg. „Ich hoffe, Dr. Johnson geht es gut!“ Ein wenig unsicher schwankte die Mehse zwischen Weltrettung und einem Spurt zur Treppe um nachzuschauen, ob es ihren alten Kumpel Dr. Johnson erwischt hatte.

„Er wird es schon schaffen.“, sagte Lobo und legte seine erstaunliche Maschinenkanone zur Seite. Geschickt wie ein Affe kletterte er auf das Gerüst der Satellitenschüssel. Nur wenige hundert Meter über ihnen schwebte das orthopädische Schiff. Der Rüssel saugte weiterhin fröhlich durch die Hamburger und gab verrückt machende Geräusche von sich. Irgendwo die Straße runter explodierte schon wieder eine Tankstelle. Mehrere Hubschrauber der Presse, der Polizei und der Bundeswehr sausten über den Köpfen der Mehse und Lobos hin und her, einige verbreiteten per Lautsprecher verwirrende Durchsagen. Die Leute sollten die Luftschutzbunker aufsuchen oder in ihren Häusern bleiben. Einer der Helikopter ließ einen ganzen Haufen bunter Werbezettelchen auf Hamburgs Straßen herabregnen, was die Mehse ziemlich aufdringlich fand. Einer der Zettel klatschte Lobo ins Gesicht und blieb dort hartnäckig kleben. Auf dem Gerüst stehend versuchte er das widerliche Ding aus dem Gesicht zu ziehen. Im letzten Moment erhaschte die Mehse sein rechtes Bein und hielt ihn fest, damit er nicht fiel. Endlich löste sich der Zettel und Lobo warf einen Blick drauf.

„Oh, cool, bei Hermies im Schanzenviertel gibt es heute Pizza zum halben Preis.“, rief er durch den Lärm der Rotoren und Explosionen hindurch und steckte sich den Zettel ein. Die Mehse kletterte ihm nach. Es dauerte eine Weile bis sie die Peripherie der Antenne erreicht hatten. Oben angekommen klammerten sich beide an einige Stahlstreben und bewunderten kurz die herrliche Aussicht.

„Wie geht`s jetzt weiter?“ Lobo schaute die Mehse unsicher an und setzte sich die zweite Sonnenbrille wieder auf.

„Richte die Schüssel auf die Mitte des Schiffes, da wo der Rüssel rauskommt.“, rief sie ihm zu. Hektisch kramte sie in ihrer Jackentasche nach dem Mesophon. „Dann schließe ich das hier an und sende ein anti-orthopädisches Terrorsignal. Das dürfte den Pennern den Rest geben!“

Ein eisiger Wind wehte ihnen die Haare um die Ohren, nur mit Mühe gelang es Lobo seine Mütze festzuhalten und gleichzeitig die Antenne auszurichten. Über ihnen rammte der Rüssel einen Hubschrauber, der sein gesamtes Heck einbüßte und um sich wirbelnd zu Boden raste. Mit einem gewaltigen Knall donnerte er in eine McDonalds-Filiale, die daraufhin ebenfalls explodierte. Ein gigantischer Feuerball stieg am Hamburger Himmel empor, Menschen schrien, Hunde bellten, Alarmanlagen gingen los und irgendwo sang jemand ein trauriges Lied von der Liebe zwischen einem Mann und seinem Haselnussbaum. Mit einiger Anstrengung kramte die Mehse ihr Handy hervor, öffnete eine kleine Klappe an der Seite und zog einen winzigen, blau leuchtenden Anschluss heraus.

Lobo schaute sie durch seine zwei Sonnenbrillen an. „Was ist das?“

„Blaues Licht!“, rief die Mehse zu ihm rauf. „Und ja, es leuchtet blau! Mach mal Platz jetzt, ich muss das an der Antenne anschließen!“

Irgendetwas krachte gegen das Dach. Lobo rutschte an seinem Stahlträger ab, die Mehse fiel vornüber gegen die Antenne. Der Rüssel hatte sich ihnen unauffällig genähert und holte zum nächsten Schlag aus. Mit einer Hand an dem Gerüst hängend versuchte Lobo Lawson nach seiner Zweitwaffe zu greifen, was bei dem elenden Wind schwieriger war als gedacht. Die Mehse klammerte sich mit einer Hand an ihr Handy, das nur an einem dünnen Kabel mit der Satellitenschüssel verbunden war. Mit der anderen Hand drückte sie auf dem Display herum. Der Rüssel raste heran und traf erneut das Dach. Diesmal zersplitterte ein Teil des Geländers und der Rüssel riss ein dickes Loch in die Außenfassade des Gebäudes. Lobo konnte sich nicht mehr halten und rutsche ab. Er landete drei Meter tiefer im Kies und schrammte sich ein Knie auf. Seine Zweitwaffe glitt ihm aus den Fingern als er sie gerade zu fassen bekam. Unglücklicherweise landete sie am Rand des Daches. Er fluchte.

Die Mehse hatte mehr Glück und hing immer noch an dem Mehsophon. Wie verrückt suchte sie hin und her schwingend den richtigen Knopf auf ihrem Display. Der Rüssel holte erneut aus und raste heran. Kurz bevor er das Dach treffen konnte explodierte er. Die Druckwelle zerfetzte den Rüssel in der Mitte und schleuderte die Mehse gegen die Satellitenschüssel. Ein Schwall gallertartiger Flüssigkeit und sehr viele Stücke menschlicher Gehirnmasse trafen sie und schleimten sie voll. Aus dem Rüssel ergoss sich eine ganze Flut ekelhafter Flüssigkeit, das halbe Dach und der Vorhof des Gebäudes wurden komplett eingesaut. Doch die Mehse hatte endlich wieder halt gefunden und klammerte sich an das glibberige Gerüst. Aus dem Rauch des Treppenhauses wankte eine furchtbar zugerichtete Gestalt.

Lobo schaute auf und grinste breit. „Flumo, alter Wichser! Das wurde aber auch Zeit“

Dr. Johnson winkte nur müde ab und ließ sich gegen den Aufbau des Treppenhauses fallen. „Seht zu dass ihr das Ding endlich wegpustet. Ich hab die Fresse voll. Ich will nachhause.“

Endlich fand die Mehse den richtigen Knopf. Über ihr blinkte und zirpte das fremde Schiff, in den Straßen herrschte der blanke Wahnsinn, die Luft war erfüllt vom Schlachtenlärm. Ein letztes Mal blickte sie ihre zwei alten Freunde an. Die nickten nur und beobachteten gespannt, was nun passieren würde. Die Mehse drückte auf das Display, das riesige Schiff der Orthopäden hörte auf zu blinken und der Rüssel hing plötzlich nur noch schlaff in der Gegend herum. Dann wurde es still um sie herum. Von der Straße her hörte man hier und da noch verzweifelte Menschen rufen, ansonsten wurde es unheimlich.

Mit gespitzten Lippen schaute Lobo zu dem orthopädischen Schiff. „Und nu`?“

Das Raumschiff gab ein extrem lautes Knarzen von sich, das es einem in den Ohren dröhnte. Panisch hielten sich alle Beteiligten die Ohren zu, wenn sie welche hatten. Die Mehse verdrehte die Augen und klammerte sich noch fester an das Stahlgerüst. Im Norden der Stadt explodierte eine Tankstelle und das Kongresszentrum wackelte wie Pudding.

„Ein Erdbeben!“, rief Dr. Johnson. Der Kies auf dem Dach wurde durcheinander gerüttelt, die Antennenanlage neigte sich zur Seite. Die Mehse schrie, Lobo wurde ebenfalls durchgerüttelt, was er gar nicht komisch fand. Über ihnen knirschte und knarzte es, in der Mitte des Schiffes, dort wo der Rüssel schlapp herab hing, tat sich ein bizarres schwarzes Loch auf. Rasch breitete es sich aus und sog das Schiff in sich hinein, was sehr merkwürdig aussah. Zwei Sekunden später war der Spuk vorbei, das Schiff war weg und am Himmel deutete nur ein großes Loch in der Wolkendecke daraufhin, dass dort vor kurzem noch etwas geschwebt hatte. Der Wind flaute ab und von unten erschallten die Jubelrufe der Leute.

„Überstanden!“, rief die Mehse, die immer noch an dem Gerüst hing.

„Ok.“ Lobo nickte zufrieden und erhob sich. „Das war zwar irgendwie total unspektakulär, aber meinetwegen, ab nach hause.“

Dr. Johnson stöhnte, er war total schwarz vom Rauch und der Asche der Orthopäden, seine Kleidung hing nur noch in Fetzen an ihm herab. „Gute Idee, Mann, ich brauche ein Bad.“

Mit der Hilfe ihres alten Freundes Lobo Lawson schaffte es die Mehse von dem Gerüst runter. Gemeinsam standen alle drei am Rand des Daches und betrachteten das angerichtete Chaos. Überall brannte und qualmte es, Autowracks standen in ganzen Kolonnen auf den Kreuzungen und blockierten den Verkehr, hunderte Schaufenster waren zu Bruch gegangen und dennoch jubelten die Menschen da unten. Die Gefahr war gebannt und die Mehse hatte triumphiert.

„Wer soll das nur alles wieder aufräumen?“ Flumo schaute die zwei aus seinem rußgeschwärzten Gesicht an und schniefte.

„Keine Sorge.“, sagte die Mehse. „Ich kenne da eine Nachbarin…“

Alle drei lachten und verließen das Dach um zu Hermies im Schanzenviertel zu fahren. Immerhin gab es da heute Pizza zum halben Preis.



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#3
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